Sich Zeit zu lassen, das dauert


Kamran Ali ist ein Weltenbummler, wie er im Buche steht. 30 Länder hat er schon mit dem Fahrrad bereist, fuhr zuletzt von Rostock nach Layyah in Zentralpakistan. Anfang Januar ist er in sein nächstes großes Abenteuer gestartet: Einmal Amerika von Feuerland bis Alaska, eine Tour von gut 25.000 Kilometern. Dafür hat er sein bürgerliches Leben hinter sich gelassen, verzichtet auf Job, Sicherheit und geregeltes Einkommen. Wir haben Kamran vor der Abreise in München getroffen. Ein Gespräch über das Glück auf zwei Rädern, Freiheit und die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Kamran, was hast Du gegen das Arbeiten?
Gar nichts. Ich habe ja auch immer viel gearbeitet. Als ich nach Deutschland kam waren ganz andere Dinge als das Radfahren wichtig: Sprache lernen, Studium fertig machen. Dann die Promotion, der erste Job, Studienkredit zurückzahlen, dann der nächste Job. Und auf einmal bist Du in so einer Mühle, die sich einfach immer weiter dreht, in der alles seinen Gang geht. Dabei mochte ich meine Arbeit – das waren schöne Jobs mit spannenden Aufgaben und tollen Kollegen. Ich habe auch sehr gut verdient. Eigentlich hat alles gepasst.

Aber nicht gut genug.
Doch, natürlich. Ich habe aber einfach gemerkt, dass ich noch nicht so weit war, dass mir noch etwas gefehlt hat. Ich hatte zu wenig Zeit, um meinen Traum zu erfüllen. Ich muss reisen und die Welt sehen. Arbeiten kann ich dann noch mein ganzes Leben. Zu gehen war keine einfache Entscheidung. Es musste aber sein.

Wie viel Mut gehört dazu, erst einmal alles hinzuwerfen, um Rad fahren zu gehen?
Wie schon gesagt, es ist alles nicht einfach. Manchmal kann ich es selber nicht glauben. Es ist aber so: Wenn Du zehn oder 13 Jahre lang jeden einzelnen Tag an diese Reise denkst, wenn Du immer spürst, dass Du das unbedingt machen möchtest, dann muss es irgendwann sein, dann musst Du es wagen. Es hilft nichts, einen guten Job zu haben und gut versorgt zu sein. Wichtiger ist es doch, seinen Traum zu leben. Sonst hat der ganze Rest keinen Wert.

Du bist erst vor wenigen Wochen aus Pakistan zurückgekommen. Im Januar geht es gleich weiter – klingt nach einem vollen Terminplan.
Sich Zeit zu lassen dauert eben. Es ist einfach ein ganz anderes Leben. Du bist nicht nur draußen in der Natur. Auf Tour schaust du zwangsläufig in dein Inneres und lernst dich selber immer besser kennen. Ich reise und erkunde die Welt, lerne viele neue Menschen und Kulturen kennen. Es ist aber immer auch eine Art Meditation und eine Reise nach Innen, eine großartige Erfahrung. Und es macht großen Spaß. Ich möchte das so lange wie möglich machen – solange ich Energie und Geld dafür habe.

"ES DAUERT SO LANGE WIE ES DAUERT"

Dein Trip von Rostock in deinen Geburtsort Layyah in Pakistan hat eine lange Geschichte
Ich habe mir damit einen alten Traum erfüllt. Als ich 2002 das erste mal nach Deutschland geflogen bin habe ich mir die Reise vorgestellt und mir versprochen, eines Tages mit dem Rad zurückzufahren. Das hat dann ein paar Jahre gedauert, aber diesen Sommer bin ich angekommen.
Die vier Monate diesen Sommer waren aber nur der zweite Teil der Reise. Im Juni 2011 bin ich von Rostock aus aufgebrochen. Doch dann ist leider meine Mutter gestorben und ich habe die Tour in Sivas abgebrochen, fast in der Mitte der Türkei. Dieses Jahr bin ich dann weiter gefahren und habe die Reise zu Ende gebracht. Das war ein tolle Strecke: Iran, Turkmenistan, weiter nach Usbekistan und Tadschikistan. Von dort ging es durch Kirgistan weiter nach China und dann nach Pakistan. Wenn man beide Teilstücke zusammennimmt war ich bis Layyah sechs Monate unterwegs.

Warum die lange Pause?
Ich habe die vier Jahre wirklich gebraucht, um diese Reise wieder aufzunehmen. Das war nicht einfach; teils wegen der Finanzierung, teils, weil ich emotional noch nicht bereit war. Ich habe zwischenzeitlich auch wieder gearbeitet – das hat einfach seine Zeit gedauert. Ich wollte es aber unbedingt beenden. Denn wenn Du solche Träume nicht erfüllst oder wenigstens verfolgst, dann verliert das Leben seinen Sinn und seinen Zweck.

Wolltest Du so schnell wieder los?
Die Idee war eigentlich erst einmal eine andere. Nach der Pakistanreise wollte ich zurückkommen, einen Job suchen und erst einmal ein wenig arbeiten. Ich habe aber gespürt, dass ich noch einmal los muss. Eine solche Reise ist wie eine lange Meditation, eine irre Selbsterfahrung. Mit dieser Selbsterfahrung, mit dieser Suche bin ich noch nicht fertig. Deshalb geht es jetzt wieder los. Ich brauche noch ein wenig mehr Zeit, um wirklich herauszufinden, was der Sinn meines Lebens ist.

Ich stelle mir vor, dass solche Touren nicht spurlos an einem vorbeigehen.
Es ändert sich alles. Meine ganze Art zu reisen hat sich zum Beispiel mit den Jahren geändert. 2011 bin ich in 50 Tagen 4.500 Kilometer gefahren. Damals ging es mir vor allem darum, schnell anzukommen, also habe ich Gas gegeben. Ich war vollkommen auf das Ziel fixiert.
Jetzt, vier Jahre später habe ich mir viel mehr Zeit gelassen. Zeit für die vielen tollen Orte und Menschen am Wegesrand, für die anderen Kulturen. Aber auch für mich. Das war ein anderer Fokus. Mittlerweile habe ich eine ganz gute Balance gefunden. Auf der Amerikareise möchte ich noch mehr Zeit haben. Anzukommen ist schön. Aber noch wichtiger ist es mir, dass ich unterwegs bin.

Also kein Zeitplan?
Nein. Es dauert so lange wie es dauert. Ich habe im Iran einen Franzosen kennen gelernt. Der war zu Fuß auf dem Weg von Frankreich in den Iran. Sein Credo habe ich eigentlich übernommen. Er hat gesagt, man solle versuchen, langsamer zu sein, wenn man reist. Dann kannst Du mehr lernen, hast mehr Kontakt, tauchst tiefer ein. Das hat mir gefallen. Und du hast mehr Zeit für dich selber. Wer langsamer ist, lernt mehr.

Aber die Route steht schon.
Zumindest die ersten 2.000 Kilometer, die hab ich geplant. Ich starte in Ushaia in Feuerland; das ist die südlichste Stadt der Erde. Dann hangel ich mich grob entlang der Trans Americana nach Norden. Wenn es irgendwann in Alaska nicht weiter geht, bin ich da.
Welche Route die beste ist wird sich erst erweisen. Da möchte ich gerne auch die Einheimischen fragen, was sie mir empfehlen. Ich weiß auch noch nicht genau, was ich mir alle anschauen möchte – ich bin superflexibel. Zum Glück brauche ich keine Visa. Ich kann also so lange irgendwo unterwegs sein, wie ich möchte. Insgesamt werden das gut 25.000 Kilometer.
In Südamerika werde ich wahrscheinlich eine kleine Pause einlegen und arbeiten. Nordamerika wird teuer, da muss ich noch ein wenig Geld auftreiben. Ich hoffe, dass ich meine Bilder und Geschichten verkaufen kann, oder ich finde noch einen Sponsor. Zur Not gehe ich auch kellnern oder arbeite als Barkeeper. Da wird sich was ergeben.

Jetzt hast du extra für die Reise komplett neues Material bekommen
Das ist klasse und freut mich sehr. Ich hatte auf meinen Reisen immer Probleme mit dem Antrieb. Kette und Schaltung haben immer irgendwann genervt. Allein auf der Reise nach Pakistan musste ich Kette, Kassette und Kettenblatt tauschen – das kann am Ende der Welt ein echtes Problem werden. Und wenn die Kette unerwartet springt, das ist richtig gefährlich.

Warum Pinion?
Für die Amerika-Reise habe ich etwas wartungsfreies gesucht und mich bei Stevens umgeschaut. Die Räder von denen finde ich schon immer gut, mit denen bin ich seit Jahren unterwegs. In Tadschikistan hatte ich einen anderen Radfahrer getroffen, der mit dem Gates-Riemen gefahren ist und ganz begeistert war. Den wollte ich auch haben. Über Pinion wusste ich zu dem Zeitpunkt noch gar nichts. Das habe ich aber auch schnell entdeckt. Für mich ist das System perfekt: Ich muss mich um nichts kümmern, das Gewicht sitzt zentral in der Mitte, die ganze Technik ist gekapselt und gut geschützt und auch der Riemen hat keine Probleme mit Schmutz und Staub.  Auch die Bandbreite des Pinion ist klasse – ich freue mich sehr, dass das geklappt hat.

"In Tadschikistan hatte ich einen anderen Radfahrer getroffen, der mit Pinion & Gates-Riemen gefahren ist und ganz begeistert war."

Wie hast Du das Material für die Reise vorbereitet?
Andreas Sander hat mir in seinem Biker’s Best Fahrradshop sin München ehr geholfen. Er hat mir gezeigt, wie ich den Rahmen öffne, um den Riemen zu tauschen und wie der Ölwechsel funktioniert. Ansonsten habe ich am P18 eigentlich nur breitere Reifen und meine Pedale montiert. Wie ich mein Gepäck verstaue tüftel ich gerade aus.

Das wird nicht wenig sein.
Och, es geht. Was ich dabei habe wiegt rund 25 Kilo – inklusive Zelt, Schlafsack, Werkzeug und Ersatzmaterial, Kocher, Notebook und Smartphone. Allein mein Foto-Equipment wiegt gut sieben Kilo. Dazu kommen dann, je nach Etappe, fünf bis zehn Liter Wasser und natürlich Verpflegung.

Kamrans Bilder, die Route und viele News findet Ihr in seinem Blog unter http://kamranonbike.com/route-ar-ak/ sowie aktuell auf seiner Facebookseite