DURCH DAS ATLASGEBIRGE IM RENNMODUS

Das Atlas Mountain Race führt in 1.200 Kilometern und 20.000 Höhenmetern durch den Hohen Atlas in Marokko. Langstreckenrennen wie diese erfreuen sich einer immer größeren Beliebtheit. Immer mehr geht es auch darum die Extreme auszuloten. Das Konzept dieser Rennen ist, dass man komplett selbstversorgt navigieren muss. Es gibt keine Versorgungsstationen und keinen Besenwagen. Auch die Pausenzeiten sind nicht vorgegeben. Jeder schläft wann und wo er möchte. Genau das Richtige für den Fotografen und Abenteurer Kilian Reil!

„Für mich persönlich sind diese Rennen einerseits eine schöne Herausforderung, oft mehr mental als körperlich. Ich fahre gefühlt eher gegen mich selbst und einem eigenen Zeitwunsch als andere Teilnehmer. Zum anderen kann ich damit zwischen meinen eigenen Lieblingsprojekten wie „Bikerafting in Jakutien“ fit bleiben.“ – berichtet Kilian Reil über seine Motivation an dem Rennen teilzunehmen.

Wir haben uns mit ihm unterhalten und seine Erlebnisse zusammengefasst.

KOMPLETT AUF SICH SELBST GESTELLT

Das Konzept des Atlas Mountain Race ist schnell erklärt. Es ist ein sogenanntes Unsupported Bikepacking Rennen durch Marokko mit Start in Marrakesch und Ziel am Atlantik. Die Teilnehmer sind komplatt auf sich selbst gestellt und wenn man sich die Zahlen und Fakten dieses Rennens an, so wird rasch klar: Das AMR zählt zu den härtesten Rennen seiner Art!

Die Strecke ist konditionell wie fahrtechnisch sehr herausfordernd. Sie führt die Teilnehmer in rund 1.200 Kilometern und 20.000 Höhenmeter über große Teile des Hohen Atlas und des Antiatlas. Das Ziel liegt in der Nähe von Agadir am Atlantik. Die Bodenbeschaffenheit reicht von trockener Steinwüste und tiefem Sand bis hin zu schneebedeckten Pässen. Navigiert wird selbst. Unterwegs stellen drei Checkpoints sicher, dass keiner verloren geht. Für die Versorgung unterwegs ist jeder Teilnehmer selbst zuständig. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, sich unterwegs mit Wasser und Lebensmitteln einzudecken. Entsprechend groß ist der Vorrat, den man auf dem Rad dabei hat. In kleinen Läden kauft man das Nötigste – Wasser, Brot und Riegel. Die Temperaturen reichen von etwa Null bis +30 Grad Celsius. Insbesondere Nachts wird es empfindlich kalt. Im Gepäck von Kilian ist also neben wärmender Bekleidung auch Camping-Equipment wie Isomatte und Schlafsack.

Es geht durch wunderschöne Gebirgslandschaften, kleine Oasen und Dörfer, wilde Wüstenlandschaften und immer wieder zähe Schotterpassagen. Teilweise sind die Pisten so schlecht und ruppig, das die Räder geschoben oder getragen werden müssen. 

 

Ähnlich wie bei anderen Langstreckenrennen gibt es für jeden Checkpoint auch Cut-Off Zeiten. Damit wird verhindert, dass Teilnehmer, die zu langsam sind in Schwierigkeiten geraten und die restliche Strecke nicht schaffen.

Es gibt keine Versorgungsstationen und keinen Besenwagen. In kleinen Läden kauft man das nötige – Wasser, Brot und Riegel. 

Eigentlich ist nicht die Geschwindigkeit relevant, sondern wie lange man im Sattel sitzen kann.

DIE FRAGE NACH DER AUSRÜSTUNG

Anders als bei den Reisetouren fährt man bei den Rennen immer am Anschlag, das Rad samt Gepäck wird minimalistischer, der Schlaf wegrationalisiert, Essen und Hygiene nur noch Mittel zum Zweck.

Viele Teilnehmer hätten sich mehr Komfort und Stabilität gewünscht, die bei flotten Gravelbikes eher zweitrangig ist. Der drittplatzierte Jay Petervary beispielsweise sagte im Ziel, er hätte das falsche Rad gewählt. Teilweise waren die Strecken so unangenehm und ruppig, dass ein Mountainbike deutlich angenehmer war. Da ist eine DNF-Quote (Did not finish) von etwa 1/3 der Starter auch nicht verwunderlich.

Der Rennlenker mit einem Triathlon-Aufsatz sieht an diesem Bike gewöhnungsbedürftig aus. Allerdings setzen viele und vor allem erfahrene Langstrecken-Fahrer auf genau diese Kombination. Die Vorteile? Viele Griffpositionen, weniger Ermüdung, weniger Schmerzen.

 

Getriebeschaltungen sind bei selbstversorgten Langstreckenrennen eine Seltenheit und das, obwohl der Verschleiß und die technische Anfälligkeit weit geringer ist als bei herkömmlichen Schaltungen.

Kilians Bike Set-Up beim Atlas Mountain Race.
„Probleme hatte ich schlichtweg keine. Ok, der Riemen hat mit dem ganzen Staub und Sand etwas gequietscht, aber dass lässt sich mit etwas Wasser oder zur Not Schmierseife reduzieren,“ resümiert Kilian.

DAS BIKE

„Zu dem minimalistischen Set-Up passt
ein Rad, das möglichst wenig Angriffs-
fläche für technische Defekte bietet.
Für mich war klar, dass ich das Rennen
mit meinem „Sibirien“-Rad fahren werde.
Es hat mich schon verlässlich durch
Jakutien und Indonesien begleitet.“

Die Basis ist ein Tout Terrain Outback, ursprünglich 27,5″ und für diesen Zweck auf 29″ aufgebockt. Gesteuert wird mit einem Rennlenker samt Cinq-Shift:R. Die Schaltung ist ein C1.12- Getriebe mit Gates Riemen und einer 1:1 Übersetzung (Riemenblatt vorne und hinten 32 Zähne). Damit wandelt sich dass Hardtail in eine Art groß-spuriges Gravelbike/Monstercrosser. Im Nachhinein war diese Verwandlung eine weise Entscheidung. Bei starken Steigungen hatte Kilian oft noch 1-2 Gänge Luft nach unten.

BIKE ENTDECKEN

 

IM ZIEL NACH FÜNF TAGEN UND NÄCHTEN

Nach fünf Tagen erreicht Kilian das Ziel am Atlantik. Es ist Nacht und die meisten der anderen Teilnehmer schlafen schon. Sein selbstgestecktes Ziel: unter 6 Tagen, hat Kilian geschafft.

Übrigens: Da Pausenzeiten nicht vorgegeben sind, schläft jeder wann und wo er möchte. Ob im Straßengraben oder im Hotel, ist jedem selbst überlassen. Kilian legt sich oft einfach etwas abseits der Strasse unter Bäume oder an eine Wand, falls der Wind bläst. Es ist allerdings gar nicht so leicht aus dem wärmenden Schlafsack zu kriechen, wenn es noch dunkel und kalt ist. Im Schnitt schläft er vier Stunden. Deutlich mehr als während anderen Langstreckenrennen. Denn Marokko ist anstrengender, hauptsächlich, weil die trockene, staubige Luft seiner asthmatischen Lunge sehr zu schaffen macht. Diese Regeneration ist super wichtig.

 

 

„Man wird oft gefragt, wie sich das anfühlt im Rennmodus und total übermüdet durch diese Landschaft fährt. Ich denke man genießt es trotzdem, nur deutlich schneller und weniger detailreich als bei einer langsamen Tour. Für mich hat beides seine Reize, die Erinnerungen an die Rennen sind aber oft deutlich verschwommener als die Touren.“ – Kilian Reil

 

Jetzt heißt es ab ins Bett!
Und als Nächstes vielleicht doch wieder eine Tour?

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Thank you for the photo credit Lian van LeeuwenNils Laengner

 

 

Man wird oft gefragt, wie sich das anfühlt im Rennmodus und total übermüdet durch diese Landschaft fährt. Ich denke man genießt es trotzdem, nur deutlich schneller und weniger detailreich als bei einer langsamen Tour.